Polygone und das „Arschgeweih“ der Mediengestaltung

Wir freuen uns an dieser Stelle einen Beitrag von unserer Partnerin Jana Rogge, Grafikdesignerin aus Weimar, zu teilen und wünschen viel Freude beim Lesen!

Immer um den Jahreswechsel herum kursieren in der Gestalterwelt die Prognosen über die grafischen Trends des kommenden Jahres. Ganz besonders deutlich lassen sich Trends und Moden bei der Verwendung von Bildern und der Gestaltung von Logos verfolgen. In der Anzeigen- und Plakatwerbung, aber auch im Editorial Design werden Text-Bild-Kompositionen und Bildästetiken eingeführt, die dann als Trend schnell die Runde machen. Innerhalb weniger Monate werden sie zu einem gefühlten Standard, ohne den kein neu erstelltes Design mehr als modern gelten darf, bevor sie spätestens zwei Jahre später auch vom allerletzten Wald-und-Wiesen-Gestalter zitiert und damit endgültig zum „Arschgeweih des Grafikdesigns“ werden. Wie beim Namensgeber, dem Steiß-Tattoo der späten 90er Jahre, ärgern sich am Ende diejenigen am meisten, die seinerzeit einfach nur modern sein wollten und damit ungewollt als Trendsetter für ein Massenphänomen wurden.

Oversized Letter, Polygone, HDR-Effekte, Flat Design – das sind ein paar der Schlagwörter aus den letzten Jahren, die uns in diesem Zusammenhang vielleicht geläufig sind. Wenn man das alles mit etwas Abstand betrachtet, wird schnell deutlich, wie und woraus diese Trends meistens entstehen. Sagt ein Grafiker zum anderen: Ich kann was, was du nicht kannst. Als in den 90er Jahren in der Layout- und Entwurfsarbeit gerade der Übergang vom Skizzieren und Schnipselkleben zum digitalen Entwurf stattfand, wurde die Kunst der detaillierten Vektorzeichnung hoch gehandelt. Sauber skalierbare Outlines statt Pinselstriche, Schatten und Verläufe waren damals nur denen möglich, die handwerklich die Nase vorn hatten. Leute meiner Generation müssen fast ausnahmslos leicht beschämt zugeben, dass sie alle mal in ihren Anfangszeiten mit Word die Überschriften regenbogenbunt durch die Gegend gezerrt haben und das Ergebnis toll fanden. Warum? Weil wir es konnten.

Nicht anders ist es auch heute. Nachdem Vektorzeichnung keine Kunst mehr und eine saubere Typo nicht mehr Ergebnis der Ausbildung, sondern hauptsächlich der guten Software ist, verlagert sich das Schlachtfeld des Wettrüstens in die digitale Bildbearbeitung. In den letzten Jahren ging es hier um Farbräume, Bildfilter und die Vermischung von realem und konstruiertem Material. Überzeichnete Szenerien, die wir vor ein paar Jahren als furchtbar kitschig empfunden hätten, hatten eine Renaissance, Typografie wurde mehr als Schmuckobjekt denn als Text verarbeitet und Zeichnungen wurden bis auf einfache Linien reduziert.

Natürlich lässt sich nie exakt vorhersagen, welcher neue Hype zu einer großen Trendwelle wird, aber mit dem schon vorher genommenen Abstand lässt die Glaskugel schon ziemlich eindeutige Umrisse für die kommenden Monate erkennen. Überlegen wir mal: Was kann der Supergrafiker heute, was die meisten seiner Kollegen nicht (mehr) können? Zeichnen, schreiben, malen. Wir dürfen uns auf noch mehr Pinselschriften, Handzeichnungen und Skizzen freuen. Übermalte Bilder und Grafiken, die nicht mehr aus dem Bildkatalog gefallen sein können, möglichst eng am Sujet sind und keinesfalls mehr in das Schubfach „Symbolbild“ passen. Wissen Sie noch, was ein Stock-Foto vor 20 Jahren kostete? Damals hat man dreistellige Summen für ein Editorialbild ausgeben müssen und dafür armdicke gedruckte Kataloge gewälzt. Heutzutage sind Fotos über Microstock-Archive für 5 € zu haben und der Semiprofi zieht sich einfach mit Google ohne Rücksicht auf Nutzungsrechte eine bunte Bilderwelt ins Layout. Ein Bild, was direkt „für den Text gemacht ist“, wird zum Qualitätsmerkmal werden. Ebenso müssen Texte authentischer werden, weil der Rahmen, in dem sie sich präsentieren, immer beliebiger wird.

Fragt man also nach einem modernen Design, lautet die Antwort: Entscheiden Sie sich bitte. Entweder wir surfen auf der Welle der aktuellen Trends – dann müssen wir in Kauf nehmen, unser Erscheinungsbild regelmäßig zu ändern – oder wir schaffen etwas Zeitloses, was abseits von Moden Bestand haben kann. Auf die zweite Variante gibt es nur eine, aber dafür eine einfache Antwort: Spitzenqualität nach handwerklicher Tradition.